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"Goldene" Aussichten für Bauingenieure

DBU-Interview mit Frau Prof. Dr. Sylvia Stürmer zum Thema "Fachkräftemangel im Bauingenieurbereich"

Der BAUUNTERNEHMER (DBU): Nicht nur im Bereich der Bauwirtschaft sind Fachkräfte Mangelware. Welche Berufe leiden besonders unter einem Mangel an Fachleuten?
Prof. Sylvia Stürmer: Das Marktforschungsunternehmen Prognos stellte im Auftrag der Landesregierung Baden-Württemberg fest: "Wenn sich nicht mehr Menschen weiterbilden, fehlen in Baden-Württemberg in 20 Jahren rund zehn Prozent der benötigten Erwerbstätigen." Für den Bereich der Ingenieure wird bereits heute ein Mangel von 20.000 Ingenieurstellen gesehen. Das betrifft auch den Bereich des Bauingenieurwesens und der Bauwirtschaft.

DBU: Wird dieser Mangel durch die demographische Entwicklung nicht immer dringlicher?
Prof. Stürmer: Ja, der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften wird dringlicher. Das Personal wird im Schnitt immer älter und die Anzahl der Fachkräfte sinkt. Um dem gegenzusteuern gibt es zur Zeit verschiedene Aktivitäten: unter anderem beauftragten die baden-württembergischen IHKs die WifOR Wirtschaftsforschung GmbH in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Darmstadt zur Entwicklung einer interaktiven Internetanwendung zur Erfassung der Entwicklung des Fachkräfteangebots und der -nachfrage im Land bis zum Jahr 2025. Ein Ziel dabei ist die "Lenkung" der Auszubildenden in "gefragte" Richtungen.

DBU: Warum wenden sich, Ihrer Meinung nach, relativ wenige Junge Leute einem Ingenieurberuf zu? Woran liegt es: Ist die Ausbildung zu schwierig? Zu lang? Ist die Bezahlung zu niedrig? Zu wenige Karriere-Chancen?
Prof. Stürmer: Wie Meinungsumfragen belegen ist die Bauwirtschaft im Vergleich zur Automobilbranche, Computerbranche, dem Bankwesen und anderen nicht so angesehen. Zum einen ist die Ausbildung anspruchsvoll, zum anderen jedoch zählen die Absolventen nicht zu den Spitzenverdienern der deutschen Wirtschaft. Die Karriere-Chancen aber sind gut: Deutsche Firmen planen und bauen überall auf der Welt und die Ausbildung des deutschen Bauingenieurs und Wirtschaftsingenieur Bau ist international anerkannt.


DBU: Im Ingenieurbau ist für die nähere Zukunft eine vielversprechende Nachfrage wegen anstehender Sanierungen und  Bauen im Bestand - neben den geplanten Neubauten. Wäre dieser Berufszweig nicht ein sicheres Berufsbild?

Prof. Stürmer: Bei den Hochbauleistungen werden rund 60 Prozent beim Bauen im Bestand erbracht: wir sanieren, modernisieren, nutzen um und versuchen mit der bestehenden Substanz und der bereits investierten „grauen Energie“ verantwortungsbewusst umzugehen. Hier besteht großer Bedarf an gut ausgebildetem Ingenieur-Nachwuchs, der in der Lage ist, im Team mit Experten aus anderen Bereichen und erfahrenen Fachhandwerkern zusammen zuarbeiten. Hochschulen und Universitäten haben ihre Ausbildungsprofile bereits dem angepasst. Es trifft zu, dass die berufliche Zukunft sichert. Zahlreiche Absolventen der Fakultät Bauingenieurwesen der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz (HTWG) sind beim „Bauen im Bestand“ erfolgreich tätig.

DBU: Wo kann sich ein junger Mensch über Ingenieurbau und andere Bauberufe informieren? Gibt es Praktikumsmöglichkeiten?
Prof. Stürmer: Sie wissen doch, junge Leute haben ihre Informationsportale in der Tasche: über Notebooks oder Smartphone stehen ihnen die Informationen der Baufirmen, der Projektentwicklungsgesellschaften, Planungsbüros und so weiter unmittelbar zur Verfügung. Um sich über Firmen, ihre Ausrichtung und Präsenz national und international informieren und persönliche Kontakte knüpfen zu können, findet zum Beispiel jährliche die Firmenkontakt-Messe in Stuttgart statt. Es gibt genügend Praktikumsmöglichkeiten in allen Bereichen der Bauwirtschaft und des Ingenieurbaus. Damit die jungen Leute  „ihren Platz“ gezielt finden können, ist eine weitere Möglichkeit für Kontakte bei der Messe econstra in Freiburg/Breisgau mehr als empfehlenswert.

DBU: Sie beweisen, dass Frauen in dieser scheinbaren „Männerdomäne“ Erfolg haben
können. Was sollten Ihrer Meinung nach junge Mädchen berücksichtigen, wenn sie einen (Bau-)Ingenieurberuf ergreifen wollen?
Prof. Stürmer: Es ist eine Männerdomäne, in der Frauen aber durchaus ihren Platz finden können – nicht zuletzt, weil wir anders an Fragestellungen herangehen und das Team auf ganz eigene Weise zu Lösungen führen. Im Übrigen kann ein technisches Argument – weiblich vorgetragen – mitunter eine größere Wirkung erzielen. Die Mädchen sollten Interesse an technischen Dingen haben, neugierig sein, sich gern draußen bewegen und anderen selbstbewusst gegenüber treten. Gummistiefel und Helm bedeuten nicht, dass man nicht „Frau sein“ und die Baustellenmannschaft mit einem Rock erfreuen darf.

DBU: Sollten Abiturienten, die unschlüssig bei der Berufswahl sind, die Messen wie die econstra besuchen? Welche Veranstaltungen würden Sie für eine erste Informationsrunde empfehlen?
Prof. Stürmer: Abiturienten sollen unbedingt Messen wie die econstra besuchen. Wir alle leben in einer bebauten Umwelt - selbst wenn man sich nicht direkt für einen Bauberuf entscheidet, haben sehr viele andere Zweige unmittelbar mit dem Bauwesen zutun: die Banken, Behörden, Ausstatter etc. Für die persönlichen Informationsgespräche zur akademischen Ausbildung sind Vertreter der Hochschulen Konstanz, Karlsruhe, Biberach sowie der Universität Stuttgart vor Ort. Ich freue mich auf viel Anfragen am Messestand der Fakultät Bauingenieurwesen der HTWG Konstanz.

Frau Prof. Sylvia Stürmer, ich bedanke mich für das Gespräch.

Prof. Sylvia Stürmer ist ordentliche Professorin an der HTWG

Konstanz, Fakultät: Bauingenieurwesen.

 

Quelle: Der BauUnternehmer April 2012

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